Notate tagsüber...

– Abgeschriebenes und Aufgeschriebenes –
Ablage für Ungereimtheiten und Gereimtes:
Gedanken, Gedichte und Zitate

Die Botschaft

Dies ist die Geschichte von Vollmond, Zecke und Hase und der Botschaft, die Mond den Menschen vor langer, langer Zeit schickte.
Das war keine gewöhnliche Botschaft! Es war sogar die allerwichtigste. Es ist nämlich so, dass Mond nicht wirklich stirbt. Er kommt immer wieder, wie wir bei iedem Vollmond sehen können. Und Mond wollte, dass die Menschen folgende Wahrheit wissen: „So wie ich sterbe und wieder lebendig werde, so sollt auch ihr sterben und wieder leben.“

Mond bestimmte Zecke zu derjenigen, die den Menschen diese gewichtige Botschaft bringen sollte. Er wusste, dass Zecke einfach nur faul im Schatten eines Busches saß und darauf wartete, dass eine Ziege vorbeikam oder eine ganze Ziegenherde. Sie würde auf eine von ihnen springen und sich zum Kral mitnehmen lassen, wo die Feuerstellen waren, und so würde die Botschaft die Menschen im Handumdrehen erreichen. Also bekam Zecke die Botschaft mit dem Auftrag, sie weiterzuleiten.

Aber leider war Zecke nicht nur faul – sie hatte auch sehr schlechte Augen. Als sie mit der Botschaft von Mond fortging, war es noch Nacht. Zecke kroch unter das nächste Grasbüschel und schlief, bis die Ziegen zu grasen anfingen. Dort wartete sie auf die nächste sich bietende Gelegenheit.

Als der erste Schatten auf das Grasbüschel fiel, kroch Zecke hervor, krabbelte an dem Schienbein vor ihr hoch und krallte sick fest. Aber, ohhh… Zecke hatte einen schrecklichen Fehler gemacht. Während sie sich die Botschalt immer wieder vorsagte, um sie nicht zu vergessen, entschwand die Erde unter ihr, und die Tkau-Bäume und die Woltsmilchsträucher wurden kleiner und kleiner.

Da erst stellte sie fest, dass diese Ziege kein Fell hatte, sondern Federn! Das Flughuhn kreischte, als es zur Landung auf einem weit entfernten Busch ansetzte. Es schüttelte
kräftig das Gefieder, Zecke flog durch die Lutt und landete auf einem Schilfrohrhalm.

An dem Abend lugte Mond durch die Wolfsmilchsträucher und hoffte, die Menschen vor Freude über die gute Nachricht tanzen zu sehen. Aber es war sehr still und die Feuer im Kral brannten nicht sehr hoch. Das Weinen der Kinder verriet ihm, dass irgendjemand sehr krank sein musste. Da erkannte Mond, dass Zecke den Menschen die gute Nachricht noch nicht gebracht hatte.

In dieser Nacht fielen ein paar Tropfen Regen, so dass sich am zweiten Tag viele Springböcke und Spießböcke auf dem Sand um Zecke tummelten und lauter Freudensprünge machten. Da verdunkelte ein Schatten das Schilfrohr, auf dem Zecke saß und wartete, und sie dachte, „Das ist es“, und kletterte hoch. Aber o weh, es war keine Ziege, an deren Schienbein sich Zecke klammerte! Ehe Zecke das richtig mitbekam, galoppierte der Spießbock bereits am Kral vorbei und auf dem Regentropfenpfad in Richtung Sonnenuntergang.

Als der Spießbock am späten Nachmittag innehielt, um zu grasen, wurde Zecke klar, dass ein weiterer Tag vergangen war, ohne dass die Botschaft die Menschen erreicht hatte. Und jetzt lag der Kral jenseits der weitesten Bergkette am Horizont.

Nach einer Weile, als Mond wieder durch die Woltsmilchsträucher spähte, sah er, dass die Feuer noch kleiner waren als am Abend zuvor, und er hörte die Menschen klagen. Irgendjemand war wirklich sehr, sehr krank, und Mond erkannte, dass Zecke die Freudenbotschaft den Menschen noch immer nicht gebracht hatte.

Am dritten Tag, als Zecke gerade auf einer Ampferstaude saß, kam Hase vorbei, um an den saftigen Blättern zu knabbern. Und Zecke erzählte ihm von ihrer Not. Hase war schrecklich neugierıg und wollte sofort wissen, was die Botschatt denn besage, und Zecke rasselte sie herunter: „So wie ich. Mond, sterbe und wieder lebendig werde, sollt auch ihr sterben und wieder leben.“

„Das ist eine wichtige Botschaft“, dachte Hase bei sich. „Wenn ich sie den Menschen überbringe, werde ich mich bei Mond bestimmt beliebt machen.“ Und flugs bot er Zecke an, sie zum Kral zu bringen.

Kaum hatten sie die nächsten Wolfsmilchsträucher erreicht, da schüttelte Hase sein Kaross, seine Pelzdecke, kräftıg durch – und Zecke flog in hohem Bogen durch die Luft. Kurz rief Hase noch: „Aus dem Weg!“ Und schon flitzte er wie der Sturmwind zum Kral, um den Menschen die Botschaft zu bringen.

Während Zecke auf die eine Art kurzsichtig war, war Hase es auf die andere. Er dachte nur daran, wie viel Ruhm und Reichtum es ihm einbringen würde, wenn er die gewichtige Botschaft überbrächte. Anders als Zecke sagte er sie sich nicht ständig vor; er wetzte so rasend dahin, dass seine Löffel und sein flaumiger weißer Schwanz über den Steinen und den Grasbüscheln nur noch aufblitzten.

Doch als Hase atemlos im Kral ankam, konnte er sich nicht mehr ganz genau erinnern, wie die Botschaft lautete, die er von Zecke gehört hatte. Er sagte sie ein paar Mal vor sich her, aber je öfter er sie wiederholte, desto mehr gerieten ihm die Worte durcheinander und desto verwirrter wurde er.

Staubig und bleich brach er auf dem Boden zusammen und überbrachte den Menschen folgende Botschaft: „So wie ich sterbe und tot bleibe, so sollt ihr sterben und zugrunde gehen.“ Alle Bewohner des Krals begannen zu klagen und bestreuten sich mit Sand und Asche, und genau in diesem Augenblick tat der sehr, sehr, sehr kranke Mann seinen letzten Atemzug.

Als Mond in dieser Nacht durch die Woltsmilchsträucher spähte, sah er nicht eine einzige glühende Kohle. Der Kral war verlassen. Alle Bewohner waren fortgegangen. Kein einziges Zeichen von Leben.

Als er näher hinschaute konnte er Zecke nirgends entdecken, aber Hase saß noch immer an der Feuerstelle und wiederholte wie benommen die verpfuschte Botschaft. Wütend griff Mond nach einem abgebrannten Holzscheit und schlug Hase damit quer übers Gesicht. Hase erschrak so sehr, dass er sein Kaross in die Asche der Feuerstelle fallen ließ. Dann riss er es wieder an sich und schlug Mond damit ins Gesicht.

Seitdem hat Hase eine Hasenscharte, und auf dem Gesicht von Mond ist immer noch der fahle Aschenstaub zu sehen.

– George Weideman (Geschichte der Nama aus Afrika)

Notiz

Leben – die einzige Art,
Blätter zu treiben,
auf dem Sand nach Luft zu schnappen,
sich emporzuschwingen auf Flügeln;

ein Hund zu sein,
oder sein warmes Fell zu streicheln;

den Schmerz zu unterscheiden
von allem, was nicht er ist;

in Ereignissen Platz zu haben,
in Aussichten unterzukommen,
zwischen Irrtümern den kleinsten zu suchen.

Einmalige Gelegenheit,
einen Augenblick lang zu behalten,
worüber man
bei gelöschtem Licht sprach;

und wenigstens einmal
über einen Stein zu stolpern,
nass zu werden im Regen,
die Schlüssel im Gras zu verlieren;

und dem Funken im Wind mit den Augen zu folgen;

und ständig etwas Wichtiges
nicht zu wissen.

– Wislawa Szymborska

Geboren werden

 

Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang.
Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und seine Tragödie, daß die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind.
Zu leben bedeutet, jede Minute geboren zu werden.
Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.

– Erich Fromm

Dancing

Dancing is not
getting up any time painlessly like a speck of dust blown around in the wind.

– Mevlana Rumi

Fülle

Giving thanks for abundance
is greater than the abundance itself.

– Mevlana Rumi

Süßigkeiten

Find the sweetness in your own heart,
then you may find the sweetness in every heart.

– Mevlana Rumi

Lover

How can you ever hope to know the Beloved
without becoming in every cell the lover?

– Mevlana Rumi

Komm

Come, come, whoever you are,
an pagan, an idol worshiper or an infidel.
Come, even if you have broken your vows a thousand times.
Ours is not a caravan of despair. Come.

– Mevlana Rumi

Walking in beauty

In beauty I walk
With beauty before me I walk
With beauty behind me I walk
With beauty above me I walk
With beauty around me I walk
It has become beauty again

Hózhóogo naasháa doo. Shitsijí’ hózhóogo naasháa doo. Shikéédéé hózhóogo naasháa doo. Shideigi hózhóogo naasháa doo. T’áá altso shinaagóó hózhóogo naasháa doo. Hózhó náhásdlíí’. Hózhó náhásdlíí’. Hózhó náhásdlíí’. Hózhó náhásdlíí’

Today I will walk out, today everything negative will leave me
I will be as I was before, I will have a cool breeze over my body.
I will have a light body, I will be happy forever, nothing will hinder me.
I walk with beauty before me. I walk with beauty behind me.
I walk with beauty below me. I walk with beauty above me.
I walk with beauty around me. My words will be beautiful.

In beauty all day long may I walk.
Through the returning seasons, may I walk.
On the trail marked with pollen may I walk.
With dew about my feet, may I walk.
With beauty before me may I walk.
With beauty behind me may I walk.
With beauty below me may I walk.
With beauty above me may I walk.
With beauty all around me may I walk.
In old age wandering on a trail of beauty, lively, may I walk.
In old age wandering on a trail of beauty, living again, may I walk.
My words will be beautiful…

– Navajo

Wildwechsel

Schweigt still von den Jägern!
Ich habe an ihren Feuern gesessen,
ich verstand ihre Sprache.
Sie kennen die Welt von Anfang her
und zweifeln nicht an den Wäldern.
Zu ihren Antworten nickt man,
auch der Rauch ihres Feuers hat recht,
und geübt sind sie,
den Schrei nicht zu hören,
der die Ordnungen aufhebt.

Nein, wir wollen fremd sein
und erstaunen über den Tod,
die ungetrösteten Atemzüge sammeln,
quer durch die Fährten gehn
und an die Läufe der Flinten rühren.

– Günter Eich

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