Die Botschaft
Dies ist die Geschichte von Vollmond, Zecke und Hase und der Botschaft, die Mond den Menschen vor langer, langer Zeit schickte.
Das war keine gewöhnliche Botschaft! Es war sogar die allerwichtigste. Es ist nämlich so, dass Mond nicht wirklich stirbt. Er kommt immer wieder, wie wir bei iedem Vollmond sehen können. Und Mond wollte, dass die Menschen folgende Wahrheit wissen: „So wie ich sterbe und wieder lebendig werde, so sollt auch ihr sterben und wieder leben.“
Mond bestimmte Zecke zu derjenigen, die den Menschen diese gewichtige Botschaft bringen sollte. Er wusste, dass Zecke einfach nur faul im Schatten eines Busches saß und darauf wartete, dass eine Ziege vorbeikam oder eine ganze Ziegenherde. Sie würde auf eine von ihnen springen und sich zum Kral mitnehmen lassen, wo die Feuerstellen waren, und so würde die Botschaft die Menschen im Handumdrehen erreichen. Also bekam Zecke die Botschaft mit dem Auftrag, sie weiterzuleiten.
Aber leider war Zecke nicht nur faul – sie hatte auch sehr schlechte Augen. Als sie mit der Botschaft von Mond fortging, war es noch Nacht. Zecke kroch unter das nächste Grasbüschel und schlief, bis die Ziegen zu grasen anfingen. Dort wartete sie auf die nächste sich bietende Gelegenheit.
Als der erste Schatten auf das Grasbüschel fiel, kroch Zecke hervor, krabbelte an dem Schienbein vor ihr hoch und krallte sick fest. Aber, ohhh… Zecke hatte einen schrecklichen Fehler gemacht. Während sie sich die Botschalt immer wieder vorsagte, um sie nicht zu vergessen, entschwand die Erde unter ihr, und die Tkau-Bäume und die Woltsmilchsträucher wurden kleiner und kleiner.
Da erst stellte sie fest, dass diese Ziege kein Fell hatte, sondern Federn! Das Flughuhn kreischte, als es zur Landung auf einem weit entfernten Busch ansetzte. Es schüttelte
kräftig das Gefieder, Zecke flog durch die Lutt und landete auf einem Schilfrohrhalm.
An dem Abend lugte Mond durch die Wolfsmilchsträucher und hoffte, die Menschen vor Freude über die gute Nachricht tanzen zu sehen. Aber es war sehr still und die Feuer im Kral brannten nicht sehr hoch. Das Weinen der Kinder verriet ihm, dass irgendjemand sehr krank sein musste. Da erkannte Mond, dass Zecke den Menschen die gute Nachricht noch nicht gebracht hatte.
In dieser Nacht fielen ein paar Tropfen Regen, so dass sich am zweiten Tag viele Springböcke und Spießböcke auf dem Sand um Zecke tummelten und lauter Freudensprünge machten. Da verdunkelte ein Schatten das Schilfrohr, auf dem Zecke saß und wartete, und sie dachte, „Das ist es“, und kletterte hoch. Aber o weh, es war keine Ziege, an deren Schienbein sich Zecke klammerte! Ehe Zecke das richtig mitbekam, galoppierte der Spießbock bereits am Kral vorbei und auf dem Regentropfenpfad in Richtung Sonnenuntergang.
Als der Spießbock am späten Nachmittag innehielt, um zu grasen, wurde Zecke klar, dass ein weiterer Tag vergangen war, ohne dass die Botschaft die Menschen erreicht hatte. Und jetzt lag der Kral jenseits der weitesten Bergkette am Horizont.
Nach einer Weile, als Mond wieder durch die Woltsmilchsträucher spähte, sah er, dass die Feuer noch kleiner waren als am Abend zuvor, und er hörte die Menschen klagen. Irgendjemand war wirklich sehr, sehr krank, und Mond erkannte, dass Zecke die Freudenbotschaft den Menschen noch immer nicht gebracht hatte.
Am dritten Tag, als Zecke gerade auf einer Ampferstaude saß, kam Hase vorbei, um an den saftigen Blättern zu knabbern. Und Zecke erzählte ihm von ihrer Not. Hase war schrecklich neugierıg und wollte sofort wissen, was die Botschatt denn besage, und Zecke rasselte sie herunter: „So wie ich. Mond, sterbe und wieder lebendig werde, sollt auch ihr sterben und wieder leben.“
„Das ist eine wichtige Botschaft“, dachte Hase bei sich. „Wenn ich sie den Menschen überbringe, werde ich mich bei Mond bestimmt beliebt machen.“ Und flugs bot er Zecke an, sie zum Kral zu bringen.
Kaum hatten sie die nächsten Wolfsmilchsträucher erreicht, da schüttelte Hase sein Kaross, seine Pelzdecke, kräftıg durch – und Zecke flog in hohem Bogen durch die Luft. Kurz rief Hase noch: „Aus dem Weg!“ Und schon flitzte er wie der Sturmwind zum Kral, um den Menschen die Botschaft zu bringen.
Während Zecke auf die eine Art kurzsichtig war, war Hase es auf die andere. Er dachte nur daran, wie viel Ruhm und Reichtum es ihm einbringen würde, wenn er die gewichtige Botschaft überbrächte. Anders als Zecke sagte er sie sich nicht ständig vor; er wetzte so rasend dahin, dass seine Löffel und sein flaumiger weißer Schwanz über den Steinen und den Grasbüscheln nur noch aufblitzten.
Doch als Hase atemlos im Kral ankam, konnte er sich nicht mehr ganz genau erinnern, wie die Botschaft lautete, die er von Zecke gehört hatte. Er sagte sie ein paar Mal vor sich her, aber je öfter er sie wiederholte, desto mehr gerieten ihm die Worte durcheinander und desto verwirrter wurde er.
Staubig und bleich brach er auf dem Boden zusammen und überbrachte den Menschen folgende Botschaft: „So wie ich sterbe und tot bleibe, so sollt ihr sterben und zugrunde gehen.“ Alle Bewohner des Krals begannen zu klagen und bestreuten sich mit Sand und Asche, und genau in diesem Augenblick tat der sehr, sehr, sehr kranke Mann seinen letzten Atemzug.
Als Mond in dieser Nacht durch die Woltsmilchsträucher spähte, sah er nicht eine einzige glühende Kohle. Der Kral war verlassen. Alle Bewohner waren fortgegangen. Kein einziges Zeichen von Leben.
Als er näher hinschaute konnte er Zecke nirgends entdecken, aber Hase saß noch immer an der Feuerstelle und wiederholte wie benommen die verpfuschte Botschaft. Wütend griff Mond nach einem abgebrannten Holzscheit und schlug Hase damit quer übers Gesicht. Hase erschrak so sehr, dass er sein Kaross in die Asche der Feuerstelle fallen ließ. Dann riss er es wieder an sich und schlug Mond damit ins Gesicht.
Seitdem hat Hase eine Hasenscharte, und auf dem Gesicht von Mond ist immer noch der fahle Aschenstaub zu sehen.
– George Weideman (Geschichte der Nama aus Afrika)