Kategorie: Serbien

High Albania

Oh we’re back in the Balkans again,
Back to the joy and the pain
What if it burns or it blows or it snows?
We’re back to the Balkans again.
Back, where tomorrow the quick may be dead,
With a hole in his heart or a ball in his head
Back, where the passions are rapid and red
Oh, we’re back to the Balkans again!

Lied der Balkan Halbinsel
zitiert nach Edith Durham: High Albania

Ohrwürmer unterwegs

Playlist


„Manchmal läuft im Leben alles glatt,
vorausgesetzt, dass man ein Fahrrad hat…“

 
 


„Ich hab den Tag auf meiner Seite.
Ich hab Rückenwind…“
„Ich werd vom Glück verfolgt –
und komm zurück mit meinen Taschen voll Gold!“

 
 


„When we walked in fields of gold…“

 
 


„O Himmel, Strahlender Azur!
Enormer Wind, die Segel bläh!“
Die Seeräuberballade von Berthold Brecht in einer Vertonung von Folkländer

 
 


„Komm, Jana, Liebste, lass uns das Haus verkaufen… und das Pferd… und nur noch tanzen, tanzen, tanzen…“
Serbisches Hochzeitslied, interpretiert von Dikanda aus Szczecin, Polen

 
 


Lied der Roma auf dem Balkan: trauriges Liebeslied über den St. Georgstag;
bekanntgeworden durch den Film „Time of the Gypsies“ von Emir Kusturica

 
 


…und noch eins von Dikanda 🙂

 
 


Drei mazedonische Lieder – zwar nicht Serbien… Aber immer noch Balkan!
Hier gehts um die Schönheit der Mädchen…

 
 


…und hier um die Schönheit des Landes
„Ivanica“ gespielt von Fork & Fiddle aus Weimar

 
 


…und dies ist die wunderschöne Melodie eines Partisanenliedes aus dem 2. Weltkrieg
„Karamfil“ (die Nelke) auch von Fork & Fiddle

 
 


Und jetzt: Balkan Disco Party 🙂

Otok

Zelten am Feldrand kurz vor der Serbischen Grenze
 

5.VI.2022 | 1. Etappe: Vinkovci – Otok

 
Strecke: 23 Km
unterwegs: 19:00 – 21:00 Uhr
Wetter: heiß, windstill
 

Abreise von Coburg um 22:00
mit der Bahn bis Nürnberg: zwei Stunden Aufenthalt
im Bahnhof dichtes Gedränge von Festivalbesuchern in Lederhose und Dirndl
Eine asiatische Familie mit zwei kleinen Töchtern wartet auf ihren Zug
Die beiden Mädchen versuchen sich aus Jacken einen Schlafplatz zu bauen

Dann weiter vom ZOB
Der Flix Bus ist rappelvoll
An einer Plakatwand in der Innenstadt steht:
„Was wäre das Beste das dir passieren könnte?“
Großes Glück dass mein Sitznachbar in Regensburg den Platz wechselt
und ich so zwei Sitze für mich habe
Trotzdem: lange Fahrt, hängender Kopf, schmerzender Nacken
Aber es geht voran, es ist warm
Um 3:00 dämmert es
Zwei Kontrollen an der Slowenisch – Kroatischen Grenze:
verschlafenes Aufstellen in Reihe vor dem Abfertigungsschalter
Nahezu pünktlich in Zagreb
Mein gebuchter Bus nach Sremska Mitrovica verweigert die Mitnahme mit Fahrrad
Also weiter bis Vinkovci mit der Bahn

Warte bis zur Abfahrt des Zuges im Park vor dem Bahnhof
Die Zeit wird lang, die Gedanken klebrig
Ich beobachte die Menschen auf der Straße:
nicht zu begreifen dass die alle ein eigenes Leben haben und so ganz anders als meins

Der Zug ist eine S-Bahn mit Fahrradabteil
Es geht im Schneckentempo durchs Savetal: viereinhalb Stunden für kanpp 200 Kilometer
Zwei nette Frauen setzen sich mir gegenüber und reden die ganze Fahrt
Im Zug ist es kühl – draußen sind 30 Grad

Dann von Vinkovci los mit dem Rad
Über die Dörfer Richtung Serbische Grenze
Noch zwei Stunden Tageslicht ausnutzen
Es ist schwül und drückend: ein Gewitter ist angekündigt
Um halb neun fange ich an nach einem Platz für die Nacht zu suchen
In der wenig strukturierten Landwirtschaftsgegend gibt es wenig Rückzusmöglichkeiten
Nach einem vergeblichen Versuch finde ich hinter Otok eine geschützte Stelle an einem Feldweg
Als das Zelt steht ist es stockdunkel
Und es ist recht laut: die Hauptstraße ist nicht weit entfernt
Dann merke ich: wesentlich lauter sind die Zikaden in den Büschen ringsum
Das Zelt steht etwas abschüssig aber ich rolle mich zurecht
Schlafe unruhig – warte auf das Gewitter:
Außer dem Wind der ab und zu mit der Zeltplane raschelt kommt jedoch nichts

Sremska Mitrovica

Der Segen reist mit
 

6.VI.2022 | 2. Etappe: Otok – Sremska Mitrovica

 
Strecke: 82 Km | gesamt: 105 km
unterwegs: 8:30 – 18:00 Uhr
Wetter: heiß, windstill, mittags Gewitter
 

Stehe um kurz vor acht auf packe und fahre los
Im nächsten Ort kaufe ich Frühstück
Freue mich auf ein Trinkjoghurt: alte Tradition aus den Urläuben mit Rike in Kroatien
Auf einer Schotterstraße durch die Felder bei Tovarnik kurz vor der Serbischen Grenze
fängt die Gangschaltung an zu spinnen: einige Gänge lassen sich nicht mehr ansteuern…
Eine Polizeistreife taucht plötzlich aus dem Nichts auf
Der Polizist kontrolliert meine Papiere und weist mich darauf hin dass ich mich im Grenzgebiet befinde…
Die Schaltung läßt sich notdürftig justieren – aber sie schleift und klackt

An der Grenze keine Probleme
Auf Serbischer Seite stauen sich die LKW kilometerlang
Es macht den Eindruck als liefe der komplette Warenverkehr des Balkans über diese Grenze
In Sid dem ersten Ort auf Serbischer Seite mache ich Pause
Ein heftiges Gewitter zieht auf und ich mich für knapp zwei Stunden in ein Café zurück…

Nehme dann den direkten Weg nach Sremska Mitrovica über die Hauptstraße und nicht die landschaftlich schöne Strecke am Fluß entlang
Leckeres verspätetes Mittagessen in einer Gaststätte am Saveufer
Dann weiter zum Zeltplatz im Naturschutzgebiet an einem alten Savearm
Nur wenige Stellplätze sehr schattig und urgemütlich unter hohen Bäumen kaum Gäste: meist Holländer

 

Belotic

Saveufer Sabac
 

7.VI.2022 | 3. Etappe: Sremska Mitrovica – Belotic

 
Strecke: 72 Km | gesamt: 177 km
unterwegs: 10:00 – 18:00 Uhr
Wetter: heiß, sonnig, Gegenwind
 

Bis Sabac immer an der Save entlang
Gerade Straßen Gegenwind und Hitze
Heuschnupfenattacken und absterbende Finger wegen des schlechten Asphalts
Ausserdem viel LKW Verkehr obwohl Nebenstrecke

In Drenovac Auftanken an der Tankstelle:
Die Verkäuferin bietet mir ihren Stuhl vor dem Kassenraum an
Keiner versteht Englisch aber alle sind unheimlich freundlich und hilfsbereit
grüßen und winken zum Abschied

Weiter auf dem Savedeich: kein Autoverkehr mehr
Am Ufer aufgereiht neue und alte Wochenendhäuser
Mittagspause in Sabac am Imbiss vor der alten Festung
Auf der Promenade ältere Männer in Badehose die sich sonnen
Eine Frau schwimmt im Fluss

Von hier aus Richtung Valjevo: das Navi schlägt einen Weg entlang der Hauptstraße vor –
völliger Irrsinn: Hauptverkehrsstraße nach Belgrad donnernde LKW kein Seitenstreifen: lebensgefährlich
Ausserdem viel zu heiß
Mit Kopfschmerzen und kurz vor dem Hitzeschlag: Cola Stopp an einem kleinen Supermarkt am Straßenrand
Ein Ladenkunde freut sich über meinen Heldenmut durch die Serbische Sommerhitze zu radeln
und gibt mir eine zweite Cola und Kekse aus
Ausserdem drückt er mir noch einen Geldschein in die Hand dass ich gut weiterkomme und mir etwas zu essen kaufen kann !!
Ich bin überrascht und überwältigt von so viel Gastfreundschaft

Gestärkt mach ich mich wieder auf den Weg
Die Verkäuferin will noch unbedingt ein Foto von mir machen ich winke
Und schlage jetzt doch lieber ruhige Verbindungsstraßen ein
Über idyllische Hügel und durch friedliche Dörfer komme ich zu meinem Quartier in Belotic
Ein traditionelles Gasthaus mit nettem Biergarten und Übernachtungsmöglichkeiten in alten Holzkaten
Ich habe eine Hütte für mich allein – sehr komfortabel
In der Fichte am Eingang hocken Hühner auf jedem Astquirl und gackern vor sich hin
Das Essen ist köstlich
Ich sitze noch lang auf der Veranda meiner Hütte

„Ich hab den Tag auf meiner Seite
Ich hab Rückenwind…“

 

Valjevo

vor der „Weißen Brücke“ in Valjevo
 

8.VI.2022 | 4. Etappe: Belotic – Valjevo

 
Strecke: 62 Km | gesamt: 239 km
unterwegs: 10:00 – 19:00 Uhr
Wetter: angenehm: etwas kühler, bedeckt, abends Gewitter
 

Morgens Start auf der Hauptstraße
Ab Koceljeva dann wieder Nebenstraßen über die Hügel und Dörfer
Wunderschöne Strecke Obstanbauregion
Und überall sind die Kirschen reif
Herrlich süß und lecker
Kann gar nicht aufhören zu pflücken

Lange Pause in Valjevo
Seltsamer Platz am Flüsschen unterhalb der Weißen Brücke mit dem albanischen Doppeladler
Ein wenig an den Cafés am Ufer entlangflaniert
Dann Aubruch zum Quartier etwas außerhalb
Am Ortsausgang beginnt ein heftiges Gewitter
Kann mich gerade noch unter das Vordach eines geschlossenen Restaurants retten
Irgendwann hört der Regen auf
Nach einigem Verfahren und Googlepannen dann endlich im Etnoselo Kutlacic
Bin der einzige Gast
Bekomme trotzdem ein Abendbrot (Cevapcici) und ein Zimmer

 

„Wenn du in irgendeiner Stadt ankommst
Und in irgendeiner Stadt kommt man sehr spät an
Wenn du sehr spät in irgendeiner Stadt ankommst
Wenn diese Stadt vielleicht Valjevo ist
Wo auch ich angekommen bin
Wirst du den Weg gehen den du gehen musstest
Der vor dir nicht existierte
Sondern erst mit dir entstand
Wenn du diejenige triffst die du treffen musstest
Diejenige die dein ganzes Leben war
Auch bevor du sie getroffen hattest
Bevor du wusstest dass sie existiert
Sowohl sie als auch die Stadt in der du angekommen bist

Wenn du in irgendeiner Stadt ankommst
Egal woher
Aus Velji, Duboko oder Kolasin
Oder nirgendher
Wenn du aus deinem Haus weggehst
Irgendwohin
Einfach weggehst
Und kommst in irgendeiner Stadt an
Zum Beispiel in Valjevo…“

Matija Beckovic

 

Valjevo II

Frühstück
 

9.VI.2022 | 5. Etappe: Valjevo – Valjevo

 
Strecke: 31 Km | gesamt: 270 km
unterwegs: 11:00 – 17:00 Uhr
Wetter: sonnig, heiß (entgegen der Vorhersage), abends Gewitter
 

Frühstück auf der Terrasse:
Sonne und ein Hund zu meinen Füßen
Schinken Speck und Wurst und Tabaksgrieben
in Fett gebackene Brötchen Kaffee und Wasser

Muss wegen des Regens gestern noch Gepäck und Fahrrad von Lehmkrusten befreien
Auch die Gangschaltung macht wieder Probleme
Stelle fest dass die Achse nicht fest ist – kann sie notdürftig mit Kabelbindern fixieren

verspätete Abfahrt
bin gespannt wegen der Steigungen die mich erwarten
den Abzweig Richtung Hauptstraße mehrmals verfehlt
unnötig Berge hinaufgestrampelt
Google und Navigationsgerät verflucht
schließlich ein Dorf kurz vor der Hauptstraße schiebend erreicht
ein Supermarkt lockt mit kalter Cola
vor dem Laden mit Bier trinkenden Einheimischen und der Verkäuferin unterhalten
umschwirrt von Myriaden von Fliegen
verabschiede mich schnell wieder

Es geht weiter den Berg hinauf zur Hauptstraße
über holprige Feldwege am Steinbruch vorbei
die Gänge knacken und blockieren
Ich trampel beherzt weiter

Nach einem Kilometer glücklich auf der asphaltierten Hauptstraße –
reißt die Kette!
elf Kilometer hinter Valjevo!
Die Würfel (Kettenglieder) sind gefallen. Einbruch des Schicksals!
Aber: die Dinge sind wie sie sind…
Ich mache mich gefasst auf eine stundenlange Wanderung zurück in die Stadt – das Fahrrad schiebend…
– bis ich realisiere dass die Straße nur bergab führt!
Ich kann mich rollen lassen! – und bin in nullkommanix wieder im Stadtzentrum von Valjevo

Die nette Frau in der Touristeninformation vermittelt mir eine Fahrradwerkstatt und ein Zimmer nicht weit davon
Fahrrad ist schnell wieder heil
Ich völlig erschöpft und heilfroh
über die nahe Unterkunft
alles pikobello: sauber groß und bequem
nur WiFi funktioniert nicht – irgendwas ist immer…
Essen in der historischen Altstadt
danach etwas fernsehen
kann das erste Mal gut und durch schlafen

„As I am walking fields of gold…“

 

Cacak

Yodas Club in Valjevo
 

10.VI.2022 | 6. Etappe: Valjevo – Cacak

 
Strecke: 25 Km | gesamt: 295 km
unterwegs: 14:00 – 21:00 Uhr
Wetter: warm, wolkig, abends Gewitter
 

Stelle fest dass die neue Kette bei bestimmten Gängen überreißt und besonders bei Steigungen Probleme macht
Werde noch einmal im Fahrradladen vorstellig:
Benötige eine neue Zahnkranzkassette
Der Ladenbesitzer verweist mich an einen Kollegen in Cacak
Er selbst hat keine Kassette vorrätig

Am Nachmittag gibt es eine Zugverbindung nach Cacak
Bin viel zu früh am Bahnhof – und der Zug hat Verspätung
Auf dem Bahnsteig sitzt eine junge Frau
Wir kommen ins Gespräch
über das Leben in Serbien – und in Deutschland
und über Fahrräder und Autos…

Ajde Jano, ajde dušo

Der Zug fährt durch eine spektakuläre Berglandschaft
doch meist nur in Schrittgeschwindigkeit
Auf Abstellgleisen neben uns endlose Züge mit Gasbehältern von Gazprom
Als ich in Cacak ankomme ist es schon dunkel
Finde aber noch eine etwas überteuerte Pension

 

Arilje

Von der Morava in die Berge
 

11.VI.2022 | 7. Etappe: Cacak – Arilje

 
Strecke: 53 Km | gesamt: 348 km
unterwegs: 11:00 – 18:00 Uhr
Wetter: vormittags bedeckt, heiß, nachmittags sonnig, Rückenwind, abends heftiges Gewitter
 

Morgens in der Fahrradwerkstatt
Kassettenwechsel kein Problem
Innerhalb von zehn Minuten erledigt

Dann Aufbruch Richtung Westen an der Morava entlang
Erst ein schöner Fahrradweg durch die Uferauen
zum Teil etwas sumpfig wegen des Regens der Vortage
dann über kleine Straßen durch die Felder
Schließlich ein Stück Hauptstraße und wieder Nebenstrecke an einem Bachlauf

Bis ich plötzlich nach einem unvermittelt auftauchenden Tunnel in die Moravaschlucht fahre
Der Fluß seeartig verbreitert die Berghänge bewaldet
Hierher haben sich bei der osmanischen Invasion im 14. Jahrhundert viele orthodoxe Mönche zurückgezogen
und mehrere Klöster an den unzugänglichen Hängen gegründet
Mein Ziel ist ein Campingplatz auf halber Strecke der Schlucht
Leider existiert er nur auf meiner Karte

Also weiter…
Die Frage ist nur: auf der autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraße mit LKW Verkehr und Tunneln
oder nehme ich die Wanderwege über die Berge
Ich entscheide mich für die Berge:
zwei Stunden steiles bergauf Schieben
dann versagt die Navigation
Ein Bauer den ich nach dem Weg frage nimmt mich samt Fahrrad mit auf seinen Trecker und bugsiert mich querfeldein wieder auf meine Strecke
Nach einigem auf und ab geht es hinunter ins Flusstal – die Bergetappe ist geschaftt
Bin einigermaßen erledigt will es aber noch bis Arilje schaffen
Hoffe dort ein günstiges Quartier zu finden
Als ich den Ort erreiche fängt es an zu regnen
Flüchte mich fürs erste in ein Restaurant und stärke mich erst einmal

Nach dem Essen regnet es immer noch leicht
Ich klapper die in Google eingetragenen Pensionen ab
Alle belegt
Der Regen wird zu einem heftigen Gewitter
Ich finde Unterschlupf bei einem kleinen Supermarkt
Auf meine Frage nach Quartieren erklärt mir eine Verkäuferin dass mehrere Hochzeiten im Ort stattfinden und deshalb alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht sind
Mittlerweile ist es dunkel
Mein Glück ist ein freundlicher Kunde der nicht locker läßt und erst Hotels und Pensionen in der näheren und weiteren Umgebung abtelefoniert
und als das nichts bringt sogar bei seinen Freunden und Bekannten nachfragt
Am Ende sagt ein befreundeter Fahrradhändler zu mich für eine Nacht aufzunehmen
Ich bin so glücklich ein Dach über dem Kopf zu haben
Auch wenn die einzige gemeinsame Sprache Hände und Füße sind unterhalten wir uns die halbe Nacht über unsere Fahrradtouren

„Manchmal läuft im Leben alles glatt,
vorausgesetzt, dass man ein Fahrrad hat…“